Einfach gute Laune – der neue Ybbstalradweg in Niederösterreich

Das Mostviertel ist eine der vielen schönen Gegenden Österreichs, aber auch eine, die leider noch zu wenig bekannt ist. Das sollte sich bald ändern. Und dafür gibt es einen guten Grund: die zunehmende Begeisterung der deutschen – und auch internationalen – Urlauber für das Radfahren und den Radurlaub.


Einer der Rastplätze auf dem Ybbstalradweg © heinz-henninger

Jährlich fahren hunderttausende Menschen auf Drahteseln kürzere oder längere Strecken auf den bekannten, ausgebauten europäischen Radstrecken. Österreich punktet gut: Schon auf dem zweiten Platz der Beliebtheitsrankings (nach dem Elbe-Weg) ist der österreichische Donauweg von Passau bis Wien, ein „Klassiker“ sozusagen.

Viele Urlauber „sammeln“ Radwege, steuern einen nach dem anderen an, um möglichst viele unterschiedliche Gegenden kennen zu lernen. Dieses Hobby ist den Deutschen eine Menge wert, vor allem Geld, um eine vernünftige und hochwertige Ausrüstung zu erwerben. Ohne ein leistungsfähiges Rad macht die Sache nun mal nur halb so viel Spaß.

Aber auch Menschen, die sich die immer noch beträchtlichen Ausgaben für ein hochwertiges Rad nicht leisten können oder wollen, haben eine Alternative. Denn vielfach haben sich aber die touristischen Dienstleister entlang den Strecken auf den neuen Trend schon eingestellt und bieten neueste Leihräder inklusive Helm, an – eBikes, pedelecs natürlich, so viel Komfort muss schon sein. Das erhöht die touristische Anziehungskraft.

Soviel zum allgemeinen Trend und zurück zur Destination. Ziemlich neu ist im Tal der Ybbs ein Radweg, der insgesamt 110 km umfasst. Er geht von Ybbs/an der Donau über Amstetten, Waidhofen, Opponitz, Hollenstein, Göstling bis Lunz am See. Gerade wurde das „Herzstück“ eröffnet, von Waidhofen bis Lunz, etwa 55 km lang, und so viel sei vorweggenommen, das ist ein Erlebnis.

Wie kommt man überhaupt dahin? Sinnvoll, empfehlenswert ist etwa eine Anreise mit dem Zug DB/ÖBB entlang der Strecke München-Wien, Umstieg in Salzburg und Amstetten, rd. 4 Stunden Fahrzeit. (Es gibt aber auch Sonderangebote von konkurrierenden privaten Zugunternehmen.) Die kürzeste Autostrecke führt von München über die A94/ E60, rd. 300 km, das sind etwa dreieinhalb Stunden Fahrzeit.


Waidhofen an der Ybbs: Die „Schwalbennesterhäuser“

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Waidhofen (12.000 Einwohner), das in früheren Jahrhunderten immer wieder einmal eine bedeutende politische Rolle spielte, auch wenn es heute einen eher beschaulichen Eindruck macht und sich über jeden Touristen freut, was in Zeiten des „Übertourismus“ bekanntlich nicht überall der Fall ist. Hier fanden wir unter anderem eine Pizzeria „Valentino“ mit einer über 80 (!) Pizzen umfassenden Karte, aber das ist eine andere Geschichte. Das besondere Erlebnis jedenfalls ist die abendliche Führung durch die historische Altstadt, die „Nachtwächterwanderung“, denn hier wird man von natürlich historisch korrekt kostümierten Fremdenführern auf unterhaltsame und spannende Weise in einige der Geschichten und Geheimnisse der Stadt eingeweiht und darf auch auf den Stadtturm und den Turm von Schloss Rothild mit seinem auffallenden Glaskubus steigen (Achtung: oben kann es wegen der Konstruktion des Kubus sehr warm sein!) und beeindruckende Rundblicke über die nächtliche Stadt genießen. (Täglich, Dauer zwei Stunden, immer ab 19 oder 20 Uhr.) Nachtwächter, nebenbei bemerkt, soll es schon ab 1297 gegeben haben; sie hatten natürlich die Aufgabe, die Stunden anzusagen, sollten aber auch verdächtige Individuen kontrollieren und auf diebisches Gesindel aufpassen, damit die braven Bürger in Ruhe schlafen konnten.


Schloss Waidhofen am Abend, rechts der Schlossturm mit Kubus © heinz-hoenig

Wer sich in Waidhofen einquartiert, etwa im familiengeführten 4-Sterne Schlosshotel („Schloss an der Eisenstrasse“), und sich ordentliche e-bikes besorgt, die hier natürlich gerne zur Verfügung gestellt werden, hat nicht nur den Vorteil, den angenehmsten Teil des Ybbstalweges fahren zu können, sondern darf auch noch eine hervorragende Küche genießen – die richtige Belohnung nach der Radtour..!


Am Schloss in Waidhofen: Beginn der Radroute

Die auch für den nur gelegentlichen Radler, oder wie man heute sagt: Genussradler gut zu schaffende Tour geht durch eine wirklich grüne Natur mit tausenden von Laub- und anderen Bäumen, die auf dem Grossteil der Radtour angenehmen Schatten spenden, was ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist, denn im Hochsommer hat es hier seine über 30 Grad.

Fast immer ist der Weg sehr eben, ein familienfreundlicher Weg also, geeignet gerade auch für Leute, die eher selten Fahrrad fahren. Wobei an dieser Stelle eingeschoben werden sollte, wie technisch ausgefeilt mittlerweile die elektrischen Fahrräder sind, das heißt, auch jemand, der in seiner Großstadt an den eigenen Pkw oder die öffentlichen Verkehrsmittel gewöhnt ist, schafft es ohne große Mühe, sich auf den neuen Typus von Fortbewegungsmittel einzustellen.

Diese Tour hat ca 55 km von Waidhofen bis zum „natürlichen“ Endpunkt, dem Lunzer See. Das scheint auf den ersten Blick eine doch lange Strecke – viel länger als die meisten Etappen auf dem Jakobsweg zum Vergleich, wird aber erstaunlich gut auch von Amateuren bewältigt – zu viel Spass macht das elektrisch unterstützte Trampeln durch die Wälder entlang der Ybbs.

Um eine Richtzeit anzugeben: in drei Stunden wird die Strecke gut bewältigt, einschließlich einer kleinen Pause.

Übrigens, abgesehen von den Hochsaisonzeiten verursacht der nachfolgende und entgegenkommende Verkehrt kein Stressproblem, nein, man freut sich sogar echt, wenn wieder ein Radlfreund entgegenkommt. Das wird hoffentlich nicht anders, wenn sich allmählich herumspricht, was das für ein hübscher neuer Radweg ist.

Einige kleinere Dörfer liegen am Wege, so dass man jederzeit eine Jause machen kann – der Nachteil ist nur, dass man bei guten Essen, nicht zu vergessen die berühmten österreichischen Mehlspeisen, vielleicht ein kleines bisschen zu lange „hocken“ bleibt und sich dann erst überwinden muss, wieder auf den Sattel zu steigen. Ein Tipp ist auch der bekannte Schafkäs.

Eine andere Versuchung stellen die Badeanstalten dar, an denen man unmittelbar vorbeikommt – wie beim Strandbad Hollenstein, das zu einer feuchten Pause im kristallklaren Wasser geradezu herausfordert. Und wer nur ein kurzes Päuschen einlegen will, der steckt einfach die Beine in die Ybbs – denn der Radweg führt immer direkt am Fluss entlang, was ein großes Plus ist.

Ruhig, entspannend, wohltuend: die Ybbs © c.oelmann

Auf dem Weg wird die Ybbs auch ein paar Mal überquert, man sieht das eine oder andere Wasserkraftwerk oder an den Brücken die konzentriert arbeitenden Fliegenfischer – offensichtlich die einzigen Österreicher, die mehr an Forellen interessiert sind als an Touristen. Nein, Scherz beiseite, wer einmal die regionalen Forellen probiert hat, kann das sehr gut verstehen. Einmal geht es auf dem Weg durch einen ehemaligen kleinen Bahntunnel.


Ein beliebtes Fotomotiv, der Bahntunnel bei Opponitz © heinz-henninger

Und eine immer bestätigte Aussage betrifft die Freundlichkeit der Passanten und entlang des Weges arbeitenden Menschen, die einen guten Tag oder eine gute Fahrt wünschen.


Der Ybbstalradweg – ohne jeden PKW-Verkehr; (c)schwarz-koenig

„Dem Wasser folgend bis zum See“ lautet einer der Slogans vom Mostviertel. Nach den erwähnten 55 km Radeln nämlich wartet als Belohnung für Auge, Geist und Magen der Lunzer See, ein sehr beliebtes Ausflugsgebiet, nicht nur für Touristen, sondern auch für Schulklassen. Auf bzw. an diesem natürlichen, sehr klaren See, dem einzigen Natursee in Niederösterreich, kann man ein kleines Elektroboot mieten (unsere Empfehlung) und auf den See fahren und dabei die Beine im sehr erfrischenden Wasser baumeln lassen. Oder schlicht Kaffee trinken oder Eis essen, auf den Bänken sitzen und sich entspannen, also, wie es neudeutsch heißt, chillen.


Ein Päuschen .. © schwarz-koenig

Je nach individuellem Erschöpfungsgrad und Motivation wird man jetzt vielleicht zurückfahren, auch wenn das nur wenige tun, weil es gewöhnlich am Nachmittag doch etwas anstrengender ist, oder stattdessen die kundenfreundliche Einrichtung des Radltaxis nützen. Man telefoniert ein spezielles Dienstleistungsunternehmen an, das zu einer vereinbarten Zeit angerollt kommt und die mehr oder weniger müden Radler im ordentlichen Kleinbus wieder zum Ausgangspunkt befördert, die Räder natürlich auch.

Für die gepflegte Jause bieten sich Dutzende von Restaurants am See an, z.B. „JoSchi’s Schlosstaverne“, wo man sogar ein indisches Currylinsengericht für die Vegetarier auf die Speisekarte gesetzt hat. Der Radtourist wird sich aber meist an die Fischspezialitäten halten, wie die wohlschmeckenden Forellen oder Saiblinge aus dem Lunzer See.


Niemand sollte wieder wegfahren ohne Fische aus dem Fluss probiert zu haben.. ©c.oelmann

Dieser neue Radlweg ist ergänzbar. Wer Spaß gefunden hat am Radeln, fährt noch weiter, am „Kleinen Ybbstalradweg“ von Waidhofen nach Ybbsitz (7 km, eine halbe Stunde). Ybbsitz ist bekannt als Schmiede-Ort, mit allerlei Attraktionen. Zum Beispiel die alten Traditionen wiederauflebende Schau-Schmiede mit Demonstration der traditionellen Schmiedekunst oder ein liebevoll aufgebautes Museum der Eisenverarbeitung „FeRRUM“ – Welt des Eisens“. Etwas für technisch und historisch Interessierte, wobei das Erlebnis nicht zu kurz kommt. Jeden ersten Sonntag von Mai bis Oktober ist der „Schmiedetag“ im „Fahrngruber Hammer“ (eine historische Schmiede aus dem 16. Jahrhundert): Besucher können dabei auch selbst Hand anlegen und so hautnah erfahren, wie anstrengend das Schmieden war. Ständig finden verschiedenste Kurse statt – Schmieden eines Wurfmessers zum Beispiel, Werkzeugschmieden oder Damaszenerschmieden. Tip: im shopFeRRUM gibt es originelle metallene Souvenirs.

Was ist weiter zu empfehlen? Eine kurze Fahrt zur Erlebniswelt Mendlingtal, die besonders bei Schulklassen hoch im Kurs steht. An manchen Tagen wimmelt es geradezu von kleinen schulpflichtigen Niederösterreichern, die das alte Schmiedegesellhaus mit originaler „Rauchkuchln“ oder die 100jährige „Venezianer-Brettersäge“ ansehen oder auf dem Spielplatz herumtollen wollen. Highlight ist die letzte funktionstüchtige Holztriftanlage Mitteleuropas – denn, ohne Holz gibt es bekanntlich kein Eisen. Zum Abschluss wandert man noch eine Stunde lang die ca. 2 km durch die Mendlingklamm und das Mendlingtal und genießt auf gut ausgebauten Wegen die Angebote der Natur. (Achtung: wegen seiner zahlreichen Stufen und Stege ist der nicht Kinderwagen-, nicht Rollstuhlgerecht.) Den Abschluss bildet ein Essen im Gasthof Fahrnberger mit seinen typischen Produkten aus dem Mostviertel und seinen Biobauern.

Wie kommt man aber überhaupt zum Ybbsradweg? Sinnvoll ist etwa eine Anreise mit dem Zug DB/ÖBB entlang der Strecke München-Wien, Umstieg in Salzburg und Amstetten, rd. 4 Stunden Fahrzeit. (Es gibt aber auch Sonderangebote von privaten Zugunternehmen, wie der Westbahn.) Die kürzeste Autostrecke führt von München über die A94/ E60, rd. 300 km, bei etwa dreieinhalb Stunden Fahrzeit.

Wichtige Adressen:
Niederösterreich Tourismus, A 3100 St. Pölten, Niederösterreich-Ring 2-C, www.niederoesterreich.at
Mostviertel Tourismus, Töpperschloss Neubruck 2/10, A 3283 Scheibbs, www.mostviertell.at, info@mostviertel at
Waidhofen Tourismusbüro, Schlossweg 2, A 3340 Waidhofen, tourismus@waidhofen.at
Hotel Das Schloss an der Eisenstrasse, Am Schlossplatz 1, A-3340 Waidhofen/ Ybbs, www.schlosseisenstrasse.at; office@schlosseisenstrasse.at
Ferrum, Welt des Eisens, Tourismusbüro, A 3341 Ybbsitz, Markt 24, www.ferrum-ybbsitz.at oder www.schmieden-ybbsitz.at, info@ferrum-ybbsitz.at
Erlebniswelt Mendling: Tourismusverein Göstlinger Alpen, Göstling 46/2, A 3345 Göstling/Ybbs, www.goestling-hochkar.at oder www.erlebniswelt-mendlingtal.at; info@goestling-hochkar.at,
Schlosstaverne Lunz, Seehof 2, A 3293 Lunz am See, www.jo-schi.at; schlosstaverne@jo-schi.at

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Dr. H. Jürgen Kagelmann Kagelmann
Über Dr. H. Jürgen Kagelmann Kagelmann 4 Artikel
Dr. H. Jürgen Kagelmann, Diplom-Psychologe, Hochschuldozent für Gesundheitstourismus und Freizeitpsychologie, Reisejournalist, Buchautor, Verleger. Letzte Bücher: "Gesundheitsreisen und Gesundheitstourismus. Grundlagen und Lexikon" (2016) "Das Beste, was man vom Reisen nach bringt, ist eine heile Haut. Kluge, ironische und böse Bemerkungen zu Reisen, Urlaub und Tourismus." (2015, beide zusammen mit Dr. Walter Kiefl). Länderinteressen: Lateinamerika, vor allem Mexiko, Peru, Uruguay; ferner Florida, Spanien, Nordseeküste. Spezielle Interessen: Themenparks, Wasserparks und andere Erlebniswelten, sowie Psychologie des Reisens und des Tourismus.

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